Schon beschlossen, aber noch ohne konkreten Termin sind weitere Veranstaltungen über die Rauschgeschichte von Kaffee (Jena), über die BRD (Saarbrücken), zur Revolution vor 500 Jahren (u.a. in Speyer) und vor hundert Jahren (u.a. in Brandenburg und Potsdam), Pläne gibt’s für Nordhausen (“Entschwörungstheorie”), Rothenburg (“Sin Patrón”), und noch mal Berlin (“Die Hüftbewegung”).
Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm, das laufend weiter aktualisiert wird.
Sowas könnte ich schreiben. Aber ich komme gar nicht aus Sachsen-Anhalt, sondern aus der DDR, Bezirk Halle, Kreis Quedlinburg. (Ein -Anhalter hält Sachsen an und ein -Anhaltiner gehört zum Adelsgeschlecht Anhalt.) Und wie die meisten bin ich lange und viel früh aufgestanden und weit in den Westen und anderswo hingependelt, weil es hier erst ganz viel Arbeit gab, die einen krank gemacht hat, und dann keine Arbeit mehr, was einen krank gemacht hat. Sachsen-Anhalt hat unter den Bundesländern den höchsten Altersdurchschnitt und die geringste Lebenserwartung, bei Alkoholismus, Rauchen und diversen typischen Arbeits- und Armutskrankheiten ist es auf den vordersten Plätzen mit dabei.
Und seit zehn Jahren heißt es, morgen übernimmt hier die AfD. Nicht weil hier alle irgendwie sind, sondern weil es eine große Erleichterung fürs (westdeutsche) Bürgertum wäre, wenn es im Osten passiert, wenn sie die Drecksarbeit nicht weiter vom üblichen politischen Personal machen lassen müssten, sondern es die anderen machen – weil vom Pöbel aus dem Osten halt so gewollt. Und so erfahren vor Wahlen viele erst, dass es Sachsen-Anhalt überhaupt gibt (“das kleine Bundesland”), der Journalismus, der für dieses Bürgertum und seine Medien arbeitet und oftmals selbst dazu gehört, taucht mal in Bitterfeld auf, und signalisiert: Wir hören euch zu – wenn ihr was mit “aber die Ausländer” sagt. (In Sachsen-Anhalt sagen viel zu viele Menschen viel zu viel mit “aber die Ausländer”, aber wenn sie was anderes sagen oder wenn sie z.B. streiken, hört ihnen kaum wer zu.)
Denn das Bürgertum hat ein Problem: es braucht ausländische Arbeitskräfte, will sie aber nicht. Das sorgt dafür, dass die ausländischen Arbeitskräfte, die hierherkommen, so behandelt werden, dass sie lieber wieder gehen, und dass im Laufe der Zeit nur noch die ganz verzweifelten und entschlossenen kommen – für die bürgerliche Rechnung: zu wenige und doch zu viel und irgendwie immer die falschen. Der Widerspruch spitzt sich weiter zu, die Methoden, Arbeitskräfte anzuwerben, werden dreister, die Methoden, sie wieder loszuwerden, immer gemeiner. Man will das nicht sein, man braucht die AfD – aber vielleicht ändert sich das gerade auch und der Merz-Regierung, die alles abfackelt, ist auch das egal.
Ich stand seit 1993 am Straßenrand in Dessau und Hettstedt, Osterburg und Oschersleben, Burg und Hoym, Zeitz und Gardelegen (wo einst Lehrlinge ans Fernsehen schrieben, dass ihre Lieblingsgruppe Puhdys im Fernsehen auftreten sollen und diese dann dort mit Geh dem Wind nicht aus dem Wege debütierten) und hielt Tausende Autos an, in denen Tokio Hotel, Elsterglanz und Isolated lief, und lernte viel über Orte und ihre Geschichte und hörte Süßes und Lustiges, Ernstes und Wütendes – und soviel Unsinn und Abgrund wie anderswo wohl auch.
Wie überall sonst haben die Arbeitskräfte hier über die Zeiten Unglaubliches hervorgebracht und erdulden müssen, erkämpft und verloren, haben sich aus der Unterwerfung zu befreien versucht und sind bisher daran gescheitert, haben sich gegen Vereinnahmung und Indoktrination gewehrt und sind wieder eingespannt, eingelullt und gegeneinander aufgehetzt worden.
Wie überall haben sich ihre Vorfahren ohne Herrschaft jagend und sammelnd hier an wechselnden Orten niederzulassen begonnen, dann ackerbauend immer dauerhafter vor allem um Saale, Elbe, Unstrut und Bode angesiedelt und große Versammlungsorte wie in Pömmelte und Goseck angelegt (“woodhenges”), konnten sich ab der Bronzezeit aufkommender Herrschaft nicht erwehren, schufen dennoch aus ferngehandeltem Erz eine erste Sternkarte – dieser ganze Prozess von der vor 9000 Jahren bestatteten Schamanin von Bad Dürrenberg bis zur Himmelsscheibe von Nebra kann im vorzüglichen Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle nachverfolgt werden.
Unter eine ganze Galerie von Großreichen, weltlichen und kirchlichen Herrschaften und Staaten gefallen, vom Dreißigjährigen Krieg verwüstet, durch Wanderung und Flucht immer wieder durcheinandergewürfelt, dann in eine Provinz, ein Land, drei Bezirke und wieder ein Land zusammengesperrt, ihr gärtnerisches, landwirtschaftliches, heilkundliches, geologisches, metallurgisches, chemisches Wissen ausgebeutet und als flächenversiegelndes und giftiges Privat- oder Staatseigentum gegen sie gewendet – und dann waren sie die Kaputten, die Kranken, die Unverbesserlichen, die Renitenten, die räuberischen Rotten und die kriminellen Elemente. Die vor etwas mehr als 500 Jahren die Klöster niederbrannten, gegen die alten und neuen Fürsten zu Felde zogen und in Massen vom Glauben abfielen, sich auf den in Eisleben geborenen Mansfelder Bürgersohn Martin Luther beriefen, der in Wittenberg an der Uni lehrte, und von ihm verraten wurden – nebenan in Thüringen mit Kanonen von den ersten lutheranischen Herrschaften zusammengeschossen (einer zur Abschreckung erst hinterher hingerichtet: Thomas Müntzer aus Stolberg im Harz). Die vor reichlich 100 Jahren nach Jahrzehnten von Streiks und Organisation in Halle und Bitterfeld Schlachten für die Räterepublik und gegen die faschistischen Putschisten schlugen, im Mitteldeutschen Aufstand Betriebe und das Land übernehmen wollten, Leuna besetzten – und von der Polizei massakriert wurden. Die bis Ende 1932 (wie auch vielerorts anderswo) ihre Arbeiterparteien wählten, die am Ende zusammen (wie auch vielerorts anderswo) mit über 40 Prozent vor der NSDAP lagen (Wahlkreis Merseburg mehr als 10 Prozent Vorsprung), aber an der Spitze nicht mehr ganz ihre und auch eben nicht zusammen waren – und von denen viele, nachdem Bürgertum und Militär Hitler die Macht übertrugen, in Polizeigefängnissen und Lagern gefoltert und ermordet wurden.
Ja, danach brach der Widerstand zusammen und viel zu viele machten mit, hielten die Kriegsmaschine am Laufen, machten in Leuna aus Braunkohle Benzin und in Schkopau Synthesekautschuk, damit die ganze Welt überfallen werden konnte, probten in Bernburg den Holocaust an Behinderten, beteiligten sich an Massenmord, Vernichtung und Beutezügen.
Und als es vorbei war, waren diejenigen von ihnen, die an vorher anknüpfen wollten und den Bruderzwist der Parteien beilegen, nicht in der Lage, sich angesichts der Leichenberge und der Zerstörung gegen die Besatzungsmacht, der man Unaussprechliches angetan hatte, politisch zu behaupten – endlich ihre Arbeiterrepublik ohne die Kriegsgewinnler und Faschisten, stattdessen der Einparteienstaat mit Geheimpolizei und Terror (eben nicht nur gegen die Faschisten), statt der Betriebe und Felder in den Händen der Arbeiter und Bauern ein Staatseigentum unter quasi allmächtiger Partei.
Der erste große Anlauf, diese Parteiherrschaft wieder abzuschütteln, wurde mit Panzern vereitelt. Als es viel später endlich gelang (in unserer Kreishauptstadt protestierte wochenlang praktisch die gesamte erwachsene Bevölkerung), stand leider schon gleich wieder das westdeutsche Bürgertum auf der Matte, drückte in einer Wahlfarce eine AfD an die Macht (die “Allianz für Deutschland” feat. die Blockflöten-CDU) und riss sich einfach alles unter den Nagel, legte die meisten Betriebe still (um Dreckschleudern wie die Karbidwerke in Korbetha war es nicht schade), Bahnhöfe verfielen und wurden durch Bahnsteige ohne Dach ersetzt, um die Bahn profitabel und später “fit für die Börse” zu machen, hunderte Kilometer Schienen wurden herausgerissen und stattdessen alles mit Straßen und Parkplätzen zugepflastert (wie sicher überall), auch in der gottlosesten Region der Welt (85% gehören keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft an, sicher forciert durch politischen Druck in der DDR, waren aber auch vorher wegen Arbeiterbewegung schon viele und sind seither noch mehr geworden) wurden §218 und kirchliches Arbeitsrecht eingeführt, den Sargnagel für die Erwerbslandschaft bildete schließlich die feindliche Übernahme der Gewerkschaften. Lange Zeit war unser Arbeitsamtbezirk Halberstadt der arbeitsloseste in Deutschland (im Wechsel mit einem in Mecklenburg-Vorpommern), obwohl im Laufe der 90er Jahre ein Drittel der Bevölkerung abwanderte (Sachsen-Anhalt hat gegenüber 1990 ein Viertel weniger Einwohner) und ständig an den Zahlen herumgerechnet wurde.
Aber die Westdeutschen hatten auch Schuldige im Angebot: Ab 1991 machten sie Wahlkampf gegen “Asylanten” und allgemein Stimmung gegen “Ausländer”, womit vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge, ehemalige Vertragsarbeiter, Sinti und Roma gemeint waren. Den Rest erledigte wie überall die Polizei – bzw. nicht: Wer sich an den Übergriffen, Anschlägen und Belagerungen beteiligte, hatte bis auf ein paar statuierte Exempel wenig zu befürchten, wer sich linken Demos oder Projekten dagegen anschloss (“für das Recht keinen Stiefel im Gesicht zu haben”, sangen AufBruch aus Wernigerode), machte schnell Bekanntschaft mit Knüppel, Wasserwerfer und Durchsuchungen.
Seit der Finanzkrise 2007ff. bereitet sich nun die herrschende Klasse (nicht nur) der BRD auf eine Abkühlung der internationalen Beziehungen vor, die unbedingt stattfindet, und auf soziale Unruhen, die sich einfach nicht einstellen wollen, weshalb die dafür immer weiter aufgerüstete Polizei auf anderen Aktionsfeldern übereifrig wurde, jede linke Kleingruppe mit Repression überzog, jeden Straßendealer jagte und Nichtdeutsche bzw. nichtdeutsch erscheinende hartnäckig bis in den Alltag profilte, schließlich auch immer mehr als politischer Akteur auftrat – daraus entstand (zusammen mit kleinbürgerlichen Teilen von CDU und FDP und legalistischen Nazis) die AfD. Politkader strömten in den Osten wie seit Anfang der 90er nicht mehr, übernahmen das Linken- und Ausländergebashe der CDU, nutzten die NATO-Kriegspropaganda für die Simulation eines Friedenskurses (für viele besonders im Osten nicht unglaubwürdiger als von den “NATO-Parteien”, im Gegenteil dürfte das möglicherweise ein Hauptgrund für die Popularität sein) und die Lebensmüdigkeit des bürgerlichen Politbetriebs für den Anschein eigener Jugendlichkeit.
Natürlich wäre es also besser, wenn die AfD nicht an die Regierung kommt, aber es wäre auch nicht gut. Natürlich wäre es besser, wenn die Linke so viel wie möglich Stimmen bekommt, denn sie hält als einzige an der Klassenkampfgeschichte von unten fest – aber eben auch an Volksfront und mindestens ein bisschen an der Parteiherrschaft. Natürlich ist es besser, wenn die Grünen mit der Krankenschwester an der Spitze über 5 Prozent kommen, und auch wenn bei kommenden Wahlen lieber der irgendwie nicht so schlimme CDU-Bürgermeister im Amt bleibt und es nicht an die AfD fällt.
Also wählt halt irgendwas, aber viel, viel, viel wichtiger ist: hinhören, hinschauen, helfen und mitmachen, wenn die Arbeitskräfte sich zusammentun, wenn sie streiken (wie in den letzten Jahren vor allem im Einzelhandel und der Lebensmittelwirtschaft, bei der Bahn und im öffentlichen Dienst), wenn sie sich gegenseitig helfen und gemeinsam ihre Interessen formulieren, in allen Betrieben und Büros, in allen Wohnvierteln, Kleinstädten, Dörfern, wenn sie ihre eigene Öffentlichkeit und ihre eigene Aufklärung schaffen, wenn sie sich nicht länger einreden lassen bzw. wenn sie sich ausreden, dass wir alle 100 Jahre 70 Stunden die Woche auch bei Krankheit, Hitze und Unwetter arbeiten müssen, dass es schon immer so heiß und trocken war und dass Feuerwehrleute schon immer bei 40 Grad in voller Montur tagelang mehrere staubtrockene Wälder vom Harz bis nach Altenburg löschen mussten, dass Windräder ein Vogelmassenmord sind, dass die Chemiewerke jetzt bei DuPont in guten Händen sind, die einst solange sie konnten das FCKW-Verbot verhindert haben, dass nach der Rheinmetall-Munitionsfabrik in Silberhütte (früher: größter Feuerwerkhersteller der DDR, noch früher: Rüstung für Weltkrieg) eine Waffenfabrik in Sangerhausen gebaut werden muss, dass wir es uns aber nicht leisten können, uns umeinander zu kümmern, uns um alle zu kümmern, dass nicht genug für alle da ist und wir immer aussortieren müssen und deshalb glauben, Gendersternchen zerstören die Sprache und Queere bilden sich das nur ein, dass wir die Zähne zusammengebissen, die Ellbogen entsichert und den Kopf auf die tickenden Preise fokussiert durchs Leben sprinten müssen, dass die immer billiger nutzbaren Erneuerbaren Energien nicht die Fossilen ersetzen und öffentliche Infrastruktur im Überfluss für alle ermöglichen, sondern immer größere Rechenzentren für immer mehr und immer energiehungrige Halbleiter für immer umfassenderen KI-Datenklau, immer vollständigere Überwachung und immer mehr Robocops …
Gegen all das wird auf die Dauer nur helfen, in den Parteien und Organisationen die zu wählen, die den Zusammenschluss der Arbeitskräfte unterstützen, in die Parteien zu gehen (in Sachsen-Anhalt sind so wenig Leute in Parteien, dass ein großer Schwung Arbeitskräfte dort die Mehrheiten schnell verschieben kann) und auch in die Gewerkschaften und sie von unten unter Druck zu setzen und wieder zu ihren Organisationen machen (dabei hilft sicher auch eine starke FAU), kurz: dem Bürgertum und seinem Staat immer mehr abtrotzen – und schließlich den ganzen Laden zu übernehmen, der sowieso uns allen gehört und nur von uns allen vernünftig eingerichtet werden kann.
Das Foto zeigt Leuna von der Fundstelle der Schamanin von Bad Dürrenberg am gegenüberliegenden Saaleufer aus gesehen – am 29. März 1921 stürmten 21 Hundertschaften der Schutzpolizei unter Oberst Graf Poninski unterstützt von Reichswehr-Artillerie in den Morgenstunden das nur von wenigen der verbliebenen, erheblich schlechter bewaffneten Arbeitern verteidigte Leuna-Werk. Etwa 70 Arbeiter werden getötet, Hunderte in einem Stickstoffsilo eingesperrt und misshandelt (Nahrungsentzug, Spießrutenlauf), mindestens zehn Fliehende ertrinken in der Saale. Ein Befreiungsversuch endet mit weiteren Toten. Der Polizeibericht meldet einen getöteten Schupo.
Okay, also noch mal von vorn: Crimmitschau, Sozialdemokratie, Feminismus. Buchstäblich zurück zu den Anfängen der revolutionären Sozialdemokratie und der proletarischen Frauenbewegung in Westsachsen, zur Entstehung der Revolution von 1918-23 aus Jahrzehnten ganz konkreten Klassenkampfs.
Ein Geburtstagsausflug 60 Kilometer von Leipzig die Pleiße hinauf, dorthin wo 1869 die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur=, Fabrik= und Handarbeiter beiderlei Geschlechts entstand, in deren Organisationskomitee auch die Handarbeiterinnen Wilhelmine Weber und Christiane Peuschel wirkten. Damals fuhr die Eisenbahn dorthin eine Stunde, schon doppelt so schnell wie 1844, als sie hier als Teil einer der ersten überregionalen Strecken nach Nürnberg eröffnet wurde – wie vielerorts anderswo bildete der Bahnbau mit seinen zusammengezogenen Arbeitskräften einen Sprung in der Formierung der Klasse, so wie vielerorts in Sachsen zuvor die in der Bauernrevolution von 1790 erkämpfte de-facto Freizügigkeit.
Nach Crimmitschau also, wo Mitte der 1870er die Sozialdemokratie unter einer Bevölkerung von 18.000 bereits 500 Parteimitglieder zählte. Das war einerseits der demokratischen und sozialistischen Selbstorganisation der Lohnabhängigen vor allem in den Textilbetrieben der ganzen Gegend ab den frühen 1860ern zu verdanken, die um sich herum einen bis dahin ungekannten Wohlstand blühen sahen, der auf ihrer Ausbeutung beruhte und an dem sie ohne Gegenwehr nicht teilhaben sollten – aber auch im besonderen der Tätigkeit Julius Mottelers, der seinen beruflichen Einblick in Geschäftsbücher, Nah- und Fernhandel in die Konkretisierung der Forderungen, in den Aufbau regionaler und regionaler Verbindungen, in die Einrichtung von Bildungs- und Wahlvereinen, schließlich die Gründung von Genossenschaften und Gewerkschaft einfließen ließ.
Über Motteler, Mitbegründer von SDAP und SAPD, gäbe es noch viel zu schreiben, als Abgeordneter für den Wahlkreis Zwickau=Crimmitschau redete er im deutschen Reichstag für die Gleichstellung der Frauen und die Abschaffung der Kinderarbeit, als „Roter Feldpostmeister“ organisierte er die Verbreitung der sozialdemokratischen Presse während der Untergrundzeit in den 1880ern (Sozialistengesetze) und lernte dabei u.a. Clara Zetkin an (die aus dem westsächsischen Wiederau stammte), als Nachlassverwalter von Marx und Engels sorgte er für Erhaltung und frühe Redaktion ihrer Schriften – aber wir wollen beim Ort Crimmitschau bleiben.
Wie es im Zentrum früher Organisations- und Wahlerfolge stand, wurde Crimmitschau auch zum Symbolort der Kämpfe für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, kulminierend im reichsweit berühmten Textilstreik von 1903/04, der „eine Stunde mehr fürs Leben“ forderte, in einem Schlachtgesang („Horch! Es rollt von fern der Donner!“) auf die Melodie des Deutschlandliedes den nationalistischen Text durch „ungezählter Millionen Feldgeschrei: Zehnstundentag!“ ersetzte. Dieser Streik, in dessen Verlauf sich die andere Seite um den späteren Kanzler und Außenminister Gustav Stresemann zum Verband Sächsischer Industrieller (VSI) zusammenschloss, klärte die Fronten im Klassenkampf und bildete so ein Fundament für die „rote“ Hegemonie in Sachsen ab 1918 (als es in Sachsen so viele Sozialisten gab wie in Frankreich und Italien zusammen) – es ist denn auch eine der letzten Orte, in die die Reichswehr im Herbst 1923 einmarschiert, als sie vor allem dem Ruf des VSI zur Zerschlagung „Sowjetsachsens“ folgt und die Revolution brutal beendet. (Danach ist wie anderswo schon beschrieben noch Thüringen dran.)
Wir haben uns das Textilstreik-Wandrelief am Marktplatz angeschaut, verschiedene Hinterlassenschaften der „Stadt der hundert Schornsteine“, das Naherholungsgebiet im Sahntal, an dessen Ausgang das famose Textilmuseum (Tuchfabrik Gebr. Pfau) liegt, darin im Rahmen des Rundgangs durch die Industrie- und Arbeitsgeschichte die Weberei, in der Lochkarten uralte Webstühle steuern und an den großen Textilstreik eine der damals nach seinem Ende angefertigten Fotografien erinnert, die 15 der „letzten kämpfenden“ Streikbelegschaften zeigen. (Fünf dieser Fotografien sind im vom Museum herausgegebenen Band „Textilarbeiter um 1900. Arbeit, Alltag, Streik“ nachgedruckt.)
Ihr könnt das alles auch tun und der Worte Mottelers gedenken, die er am 28.2.1869 in seiner Rede „Ueber die Frauen und ihre Stellung im Hause und in der Oeffentlichkeit“ ans Stiftungsfest des Arbeiter-Fortbildungsvereines im benachbarten Glauchau richtete:
„Und dann wird die Zeit herankommen, wo unsere weiblichen Goldschmiede und Papparbeiter, Instrumentenmacher und Kaufleute, Aerzte und Gelehrten nicht mehr angewiesen sein werden auf eine Versorgung in der Ehe, zum Schutz gegen Verlassenheit, Alter und Krankheit; Sie werden sich frei nach Herz und Neigung das Leben schaffen. … Und wie Sie heute zur Kirche gehen, so werden Sie künftig eine Stätte schaffen müssen, wo Ihnen die Schätze der Natur und der Wissenschaft, die Tempelhallen der freien Arbeit grüßend offen stehen! … Dies ist die von uns gemeinte Emanzipation: das Glück und die Zufriedenheit Aller durch Alle!“
Zur Rolle der Staatsgewalt in der Geschichte von Konterrevolution und Nationalsozialismus 1918-33
Nicht nur bei der Niederschlagung der Revolution in Deutschland 1918-23, auch bei der herrschaftlichen Durchdringung der aufständischen Milieus, dem “Austrocknen” und “Ausräuchern” der Rückzugsräume und sozialen Strukturen spielten Polizei und Justiz eine entscheidende Rolle. Von der Kontrolle des öffentlichen Raums bis zum Vordringen in die Wohnumgebung zeichnet der Vortrag nach, welchen Anteil die Staatsgewalt daran hatte, dass die deutsche Gesellschaft fast schon schlüsselfertig an die Naziherrschaft übergeben werden konnte.
Meistens ist Trampen wegen der Nerven nicht mehr so sinnvoll und in den vergangenen Jahren nur noch selten mal passiert, aber heute kam zum Beispiel der Bus nicht, ich hielt den Daumen raus und das zweite Auto hielt – am Steuer jemand sehr Freundliches, sonst hinterm Steuer von LKWs, die die zahllosen Leipziger Baustellen mit Material beliefern, zuvor zwei Jahre hinterm Steuer von LVB-Bussen. Ich erfuhr allerlei zur Verkehrsüberlastung der Stadt, es ging darum, dass viele den ÖPNV meiden und dass das gerade irgendwie nicht besser wird.
(Im Bild das Rathaus bzw. der Heimatverein von Rückmarsdorf.)
Der Leipziger Podcast Nordwest Passage hat sich mit mir über Lenins Rolle in Vergangenheit und Gegenwart, über Kommunismus und Parteiherrschaft unterhalten und mein Schlusswort als Wort zum Sonntag stehen lassen – es ist mein erster richtiger Podcast-Auftritt, hoffentlich gerade genügend und die richtigen Wörter zum Sonntag!
Bild 1: von oben gesehen, Blick vom Schloss auf die Stadt
Reisende Gewaltbereite ziehen ohne ordentliche Anmeldung und mit ebenfalls unangemeldetem überlangem Front-Transparent auf, bekunden allerley gegen die Ordnung des Fstm. Württemberg gerichtete Bestrebungen, leisten Widerstand gegen Einsatzkräfte, die sich zur Ausübung direkten Zwangs veranlasst sehen. Wie alle zuständigen Organe übereinstimmend berichten, kommt es zu gemeinschaftlichem schwerem Landfriedensbruch mit Sach- und Personenschaden (vorgesehen für Ahndung durch Köpfung), zum einhelligen grenzenlosen Entsetzen entsteht aber auch Personenschaden an Edelleuten, was selbstredend äußerste Abschreckungsmittel nun erforderlich macht. Die teuflisch-tierisch-jüdisch-türkische Bluttat, die sie gewissenlos und in niederster Triebraserei an einigen Edlen wegen deren notwendigen blutbäderisch-strengen Vorgehens verübt haben, zwingt das Schwert herbei und verlangt nach noch größeren und grausameren Blutbädern, sonst lernen sie’s nie!
Bild 2: Weinsberger Schloss von unten gesehen
Da oben hocken die Herrschaften nun verschanzt auf ihren zusammengeraubten Vorräten, wohlan, unser Haufen will versorgt sein, und wollen sie’s nicht hergeben, so sollen sie einmal kurz unser Leben zu spüren bekommen, unsern Hunger und unsere Plackerei unter ihren Schlägen und Grausamkeiten. Wenn sie uns an Weihnachten und aller Tage zu Hunderten dahinschlachten, ist’s ihnen recht und billig, wenn wir sie einmal an Ostern nach ihrer eigenen Melodie tanzen lassen, meinen sie, der Teufel wäre in uns gefahren, und vergelten’s uns tausend mal ärger. Zwischen zwei ihrer Massaker geben sie die verfolgte Unschuld, während sie noch eigenhändig aus der Deckung ihrer Burg auf uns feuern.
Bild 3: Ausschnitt Schwerhoff, Der Bauernkrieg, S. 223 (kritisch zu Blickles Deutung)
Vorm “Bauernkrieg” setzt die Bewegung des “Armen Konrad” 1514 in Württemberg erste Grundrechte durch, darunter die Freizügigkeit (den “freien Abzug”) der bis dahin an Scholle und Herren Gebundenen. Die Kämpfe um freie Wahl von Arbeitsstelle und Wohnort, im weiteren um Bewegungsfreiheit und selbstbestimmte Lebensverhältnisse bilden die Grundlage für viele weitere Kämpfe um Verbesserung der Lebensbedingungen und stehen oft an ihrem Anfang, vom Sächsischen Bauernaufstand 1790 bis zu den heutigen Auseinandersetzungen um Migration und geschlechtliche Selbstbestimmung.
Das kleine aber feine Bauernkriegsmuseum in Beutelsbach fokussiert auf den dortigen “Armen Konrad” und stellt dessen Forderungen in den zeitlichen Kontext zu Bauernkrieg und späteren Bewegungen und Revolutionen.
In den drei Luther-Museen seiner Herkunftsgegend (Geburts- und Sterbehaus in Eisleben, elterliches Anwesen in Mansfeld) gibt’s bezüglich seiner Haltung zu Juden insgesamt genau einen Halbsatz von Friedrich Schorlemmer (als Beispiel für Äußerungen Luthers, bei denen man “schon schlucken” muss) und ein Eckchen, in dem wie so oft seine systematische Gegnerschaft im Zentrum seiner Theologie zu einem “dunklen Kapitel” am Lebensende wird und die Relativierung einen Großteil des Begleittexts einnimmt. Von seinen übrigen Feinderklärungen gegen aufmüpfige Bauern, seinen Auffassungen über Frauen, Roma, Behinderte wenig bis nichts.
Das Eckchen im Sterbehaus
Immerhin wird, gestützt auf zahlreiche archäologische Funde, das vorherrschende Framing seiner Herkunftsverhältnisse als “einfach” oder gar arm gründlich auseinandergenommen. Bevor die Straße, in der sich Elternhaus und Museum befinden, Lutherstraße hieß, war es die Hüttenmeisterstraße, in der sich die Familienanwesen der reichen Grubenbetreiber der damaligen Bergbau-Boomtown Mansfeld konzentrierten.
Daniel Kulla wirft einen Blick auf den Elefanten im Raum: den bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaat, seine herrschende Klasse und ihre Staatsgewalt sowie die ideologischen Erzählungen, mit denen das alles gerechtfertigt wird.
Gibt‘s die BRD noch, heißt die noch so? Oder ist längst alles anders, wurden Traditionen, Hymne und Symbole geändert, der Nationalsozialismus aufgearbeitet, alle entschädigt, alles Zusammengeraubte enteignet? Und vorher steht die Fahne doch für Weimar, Ebert und Stresemann, das waren doch die Guten, die uns vorm Bolschewismus bewahrt haben? Nun gut, der Reichsadler, das Eiserne Kreuz… Aber muss ich nicht sowieso erstmal erschöpfend alle automatisch gestellten Gegenfragen über die DDR beantworten, immer und immer wieder?
Kulla schämt sich dafür, was er sich von der BRD so alles über die BRD hat einreden lassen, und möchte anderen dabei helfen nicht drauf reinzufallen. Also fangen wir von vorne an: Was ist passiert, wie wird es erzählt, wie sieht dieses Unmarkierte, Selbstverständliche, das vorausgesetzt und meist unhinterfragt „Normale“ der BRD aus? Die BRD – was soll das eigentlich überhaupt?
Im Strategiespiel „Victoria 3“ lässt sich die Weltgeschichte ab 1836 nacherleben und umgestalten – ein hervorragendes Beispiel für die Darstellung von Ökonomie und Klassengeschichte.
Nachdem in ihren Spielen immer mehr Versuche auftauchten, Klasse und Ökonomie möglichst geschichtsnah und weniger eurozentrisch darzustellen, veröffentlichte die schwedische Firma Paradox Interactive 2022 die bisher vermutlich beste Simulation von Klassenkampfgeschichte.
Darin kommen alle Menschen vor und gehören zu verschiedenen Berufsgruppen, die sich je nach Entwicklung von Einkommen und Gesetzen Interessengruppen anschließen können um eben diese Einkommensverteilung und Gesetzeslage zu ihren Gunsten zu beeinflussen. “Industrielle”, die zunächst immer größere Teile der Ökonomie dem in den meisten Ländern dominierenden Großgrundbesitz durch Investition, Steuerrecht und Handelspolitik entziehen, werden reaktionär, wenn es um Arbeitsschutz, Mindestlohn, öffentliche Gesundheitsversorgung, Renten und Progressivsteuern geht.
Auch die Interessengruppe “Gewerkschaften“ entsteht erst aus Teilen verschiedener Berufsgruppen, die sich nach und nach als reale Bevölkerungsmehrheit durch möglichst allgemeines Wahlrecht mehr Mittel verschaffen wollen und sich irgendwann, je nach Spielverlauf, mittels Räterepublik selbst in den Besitz der Produktionsmittel bringen. Räterepublik gibt es hier mit Mehrparteienwahl, Einparteienstaat oder Anarchie, genossenschaftlichem oder staatlichem Eigentum – differenzierter als in vielen historischen und politischen Debatten.
Kulla möchte weniger dafür werben, mit diesem Spiel die Bude zu heizen, sondern es eher als Beispiel dafür vorstellen, wie dynamisch, komplex und dennoch nachvollziehbar gesellschaftliche Entwicklungen und Klassenauseinandersetzungen abgebildet werden können.
Schon beschlossen, aber noch ohne konkreten Termin sind weitere Veranstaltungen über die Rauschgeschichte von Kaffee (Jena), über die BRD (Hildesheim und Saarbrücken), zur Revolution vor 500 Jahren (u.a. in Speyer) und vor hundert Jahren (u.a. in Brandenburg und Potsdam), dazu speziell über Karl Plättner und die Harzregion (Quedlinburg), Pläne gibt’s für Nordhausen (“Entschwörungstheorie”), Rothenburg (“Sin Patrón”), und noch mal Berlin (“Die Hüftbewegung”).
Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm, das laufend weiter aktualisiert wird.
Ich war betroffen von Tod und Verlust, in extremem Maß auch vom Zerfall der öffentlichen Infrastruktur und von der Krise der Linken. Das alles hat meine Handlungsspielräume und Kapazitäten noch weiter eingeschränkt, als sie das ohnehin schon waren, und besonders mein öffentliches Wirken beeinträchtigt.
Es gab dennoch großartige Veranstaltungen (so in Jena auf dem Marktplatz, siehe Bild), aber insgesamt einfach viel zu wenige. Ich konnte weiter etwas an die deutsche Revolutionsgeschichte erinnern, sprach aber nicht ein Mal über Antisemitismus, die AfD, Burschis, den Rausch, die Polizei, die DDR, Betriebsbesetzungen. Auch den neuen Vortrag zur Wissenschaft hab ich nur einmal halten können, Musikalisches ist gar nicht passiert. Ich konnte für iz3w die Situation in Argentinien und Allgemeines zum Klassenkampf zusammenfassen, doch blieb das die einzige gedruckte Veröffentlichung dieses Jahr. Ich freue mich über die privaten Spenden, die mich über Wasser halten, freue mich aber viel, viel mehr über Auftritte, Aufträge, kurz: über Möglichkeiten, mich für die Sache nützlich zu machen.
INSGESAMT SO
Meine Genugtuung darüber, vieles an der Gesamtlage kommen gesehen zu haben, könnte kaum geringer sein – wie gern hätte ich mit dem, was ich in früheren Jahresrückblicken konstatierte, falsch gelegen! Diese Zeitdiagnosen waren aber auch keine Zauberei: Intensivere Staatenkonkurrenz begünstigt nun mal wachsende Rüstungsbudgets, und die sorgen wiederum für verstärkte Suche nach Anwendungsmöglichkeiten. Dahinter treten andere Erwägungen so weit zurück, wie sich das gegen die Bevölkerung durchsetzen lässt bzw. soweit die Ideologieproduktion die passende Begleitmusik zu erzeugen vermag.
Der Rest ist für die meisten Länder schnell erzählt: Bürgerliche Parteien lösen andere bürgerliche Parteien ab, alle reklamieren sie die Arbeitskräfte für sich, aber es sind nicht unsere Parteien, und diese käufliche ist nicht unsere Demokratie. Natürlich ist offener Faschismus schlimmer, nur ist einerseits der Übergang viel häufiger schleichend als abrupt, und gerade diese laufende Faschisierung des Normalbetriebs, in der ein sozialdemokratischer Kanzler für verschärfte Abschiebung wirbt, lebt davon, dass sich genügend Arbeitskräfte vom kleineren Übel zum Stillhalten überreden lassen statt auch diesem so viel wie möglich abzutrotzen. Wichtiger als von irgendeinem Feldherrenhügel oder der Seitenlinie aus gewichtige Analysen und Prognosen darüber abzusondern, welche Herrschaft vielleicht doch nicht ganz so schlimm sein wird, bleibt der Einsatz dafür, Herrschaft insgesamt zurückzudrängen und irgendwann loszuwerden.
TO DO
Mehr denn je gilt es also, die Realität der Klassen sichtbar zu machen, zu benennen, zum politischen Gegenstand zu machen. Einerseits heißt das, sich immer zu fragen, wo genau in den Konflikten und Krisen das Bürgertum steckt, speziell eben auch das deutsche, was seine Staatsgewalt macht und für Ziele verfolgt, welche seiner ideologischen Luftballons Ausreden wofür sind, welche Großerzählungen womit befeuert werden – Ideologie also als Ausdruck und nicht als Ursache der Verhältnisse zu behandeln. (VW etwa gehört mit 150 Milliarden Euro Schulden zu den am höchsten verschuldeten Unternehmen der Welt, der Dieselskandal wird VW ca. 32 Milliarden gekostet haben, trotzdem weist die VW-Bilanz 2023 einen Nettogewinn von fast 16 Milliarden Euro aus, wovon 4,5 Milliarden ausgeschüttet wurden, fast die Hälfte an den Porsche-Piëch-Clan – sie müssen keine “Verluste vermeiden“, sie wollen höhere Gewinne!)
Andererseits heißt es aber vor allem maximal zu verstärken, was die anderen Arbeitskräfte tun, wo sie sich wogegen genau wehren, wo sie sich woran erinnern, wo sie von wem und warum unterstützt werden (und zu welchem Preis), wie ihre Lage und ihre Kämpfe international verbunden sind und verbunden werden können, die ansteckende Selbstermächtigung von Streikkundgebungen und Picket Lines verbreiten. Also nicht einfach mehr über ‘Klassenpolitik’ reden, sondern uns gegenseitig bei der Organisation als Klasse helfen, die “Einheit der Klasse“ nicht intensiver beschwören sondern herstellen, das heißt, uns am Arbeitsplatz und im Wohnviertel zusammentun, Arbeitskämpfe von anderen unterstützen, bisher Ausgeschlossene einbeziehen, füreinander mitkämpfen, in den Parteien und Organisationen diejenigen wählen und unterstützen, die sich für diese Zusammenschlüsse einsetzen. (Mit großer Freude sehe ich die linken Gewerkschafts-Kandidaturen für die bevorstehende Bundestagswahl u.a. in Dresden, Eisenach, Salzgitter, Berlin, und ohne Zweifel war einer der besten politischen Reden des Jahres die erste von Nam Duy Nguyen im sächsischen Landtag, in der er die Realität von Abschiebungen und Rassismus der bürgerlichen Propaganda entgegenhielt.) Nicht irgendeine allgemeine gesellschaftliche Spaltung beklagen, sondern die forcierten thematischen Polarisierungen nicht mitmachen und die realen Konflikte zuspitzen, über unsere Kämpfe reden, unsere Forderungen, unsere Organisation, unsere Vorschläge, Perspektiven – die Verwicklung in ihre Scheiße zurückweisen, sich nicht ihren Kopf zerbrechen, ihre Vereinnahmung durchkreuzen.
Die Mehrheiten sichtbar machen, die in staatlichen und privatwirtschaftlichen Medien, in der Auswahl bürgerlicher Parteien und ‘engagement heavy topics‘ kaum zu erkennen sind, die nur manchmal aufblitzen, wenn Millionen gegen Rassismus und Faschismus auf die Straße gehen, wenn im Jahresverlauf Hunderttausende streiken, wenn Umfragen mal so gestellt werden, dass sie bestimmte Ergebnisse überhaupt abbilden, wenn sich Menschen helfen, öffnen, annähern.
Ja, Böllern ist ziemlich schrecklich, aber das Thema ist Teil des bürgerlichen Diskurses gegen rücksichtslose Arme, “denen es ja wohl doch zu gut geht“, und gegen ‘Ausländerkriminalität’, kaum jemals geht es dabei um Einzelhandelskonzerne und Sprengstofffabriken. Ja, es gibt lauter spezifische Betroffenheiten von Kürzungspolitik, aber Frauenhäuser sind nicht wegen Transpersonen so schlecht finanziert, und diese sind ebenso vom Mangel an Mitteln, von Gewalt und spezifischen Ausschlüssen betroffen. Es muss um kostenlose Gesundheitsversorgung für alle gehen, um Schutz und Prävention für alle, und es muss laut und deutlich der sich entlang der Themen Abtreibung, Migration, Gender und Erziehung faschisierenden Bevölkerungspolitik entgegengetreten werden.
Vor allem aber muss das ganze Bürgertum angegriffen werden, sie gehören alle enteignet und entmachtet.
Am 9. November 1918 siegt in Berlin mit der Besetzung der Innenstadt durch eine Million Streikende die Revolution, die wenige Tage zuvor nach reichsweit monatelanger Streikbewegung und wochenlang zunehmenden Kundgebungen und Versammlungen offen ausgebrochen war. Sie zerschlägt alle Pläne der kaiserlichen Regierung und des neuen Reichskanzlers Ebert für einen bloßen Waffenstillstand und eine Fortführung der Monarchie unter einem Thronfolger, beendet damit auf einen Schlag den Ersten Weltkrieg und das Kaiserreich.
Der neue Staat firmiert als Deutsche Sozialistische Republik, erstes Staatsoberhaupt ist bis Dezember der Vorsitzende des Vollzugsrats des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin Richard Müller, als Kopf der Revolutionären Obleute wohl der wichtigste Organisator der Massenstreiks während des Krieges. Bis zur Reichstagswahl im Januar 1919 ist Deutschland formal eine Räterepublik, gestützt auf die Arbeiter- und Soldatenräte, die praktisch überall auf lokaler und regionaler Ebene die Macht übernommen haben. Es wird viel Täuschung und Selbsttäuschung, einen riesigen Wahlbetrug und fünf Jahre blutiger militärischer Konterrevolution mit Tausenden Toten brauchen um das wieder rückgängig zu machen. Aus dieser militärischen Konterrevolution entsteht personell und ideologisch direkt der Nationalsozialismus.
Am 9. November 1923 unternehmen Hitler und Ludendorff in München von Gewaltakten begleitet einen Putschversuch um die fünf Jahre der Revolution endgültig rückgängig zu machen und die Republik durch eine faschistische Autokratie zu ersetzen. Bayern ist jedoch schon seit 26. September eine völkisch-antisemitische Diktatur unter Generalstaatskommissar Gustav von Kahr, der die Nazis als seine Fußtruppen für einen “Marsch auf Berlin” einsetzen wollte. Nun da die Reichswehr in “Sowjetsachsen” und im roten Thüringen einmarschiert ist, zudem von Kahrs Bayerische Volkspartei an der neuen Reichsregierung beteiligt wird, wird das Vorpreschen der Hitlerleute von der Münchner Polizei gestoppt.
Während Hitler kurzzeitig ins Gefängnis muss und die NSDAP verboten wird, kann sie mithilfe der Vereinigten Völkischen Liste nach der Wahlfarce in Thüringen Anfang 1924 erstmals eine Landesregierung tolerieren und dort sofort wieder legal wirken. Wilhelm Frick, ab 1930 in Thüringen Staatsminister für Inneres und Volksbildung, bezeichnet die Revolution von 1918 als den “schändlichsten Volksverrat der Weltgeschichte”.
Am 9. November 1938 organisieren SA und SS reichsweite Angriffe auf jüdische Menschen, zwischen 7. und 13. November werden Tausende Geschäfte, Synagogen und Wohnungen zerstört und verwüstet, Tausende Juden werden deportiert, etwa 1300 kommen ums Leben. Der historische Verweis auf den “Novemberverrat” von 1918, der nun noch offensiver getilgt werden soll, ist ständiger Teil des ideologischen Repertoires der Nazis, mehr als alles andere werfen sie den Juden vor, hinter der Revolution und dem Klassenkampf zu stecken.
Aber auch der Rückbezug auf den Stifter der deutschen Nationalkirche wird angeführt. Der evangelische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, schreibt: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird zur Sühne für die Ermordung des Gesandtschaftsrates vom Rath durch Judenhand die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs erklärt am 16. November: „Kein im christlichen Glauben stehender Deutscher kann, ohne der guten und sauberen Sache des Freiheitskampfes der deutschen Nation gegen den jüdischen antichristlichen Weltbolschewismus untreu zu werden, die staatlichen Maßnahmen gegen die Juden im Reich, insbesondere die Einziehung jüdischer Vermögenswerte bejammern. Und den maßgebenden Vertretern von Kirche und Christentum im Auslande müssen wir ernstlich zu bedenken geben, daß der Weg zur jüdischen Weltherrschaft stets über grauenvolle Leichenfelder führt.“
Am 9. November 1989 öffnet die SED die Berliner Mauer um die Revolution gegen ihre Parteiherrschaft abzuwürgen, die wenige Tage zuvor nach landesweit wochenlang wachsenden Demonstrationen offen ausgebrochen war, als sich 400000 Menschen, darunter zahlreiche Parteimitglieder, auf dem Alexanderplatz versammelten. Im Sog des vom Westen mit allen Mitteln angeheizten nationalistischen Taumels gewinnen schließlich weder die SED noch die Revolution, sondern vor allem das westdeutsche Kapital.
Am 4. August 1914 stimmt die SPD-Reichstagsfraktion dem “Gesetz, betreffend die Feststellung eines Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1914“ und damit Kriegskrediten über 5 Millionen Mark zu – es ist das erste Mal, dass die SPD einem Haushalt zustimmt, sie stellt sich damit auf die Seite der kaiserlichen Herrschaft und der deutschen Kriegspartei, besiegelt das Zerbrechen des Friedensbündnisses der deutschen und französischen Sozialisten, der Sozialistischen Internationale insgesamt, und zerstört jede Möglichkeit, die rollende Eskalation des österreichisch-ungarischen Überfalls auf Serbien in den Weltkrieg durch länderübergreifende gemeinsame Aktion der Arbeitskräfte aufzuhalten.
Dabei hatte es nur wenige Tage vorher noch ganz anders ausgesehen: am 28. Juli protestieren reichsweit über 500.000 sozialdemokratische Arbeitskräfte gegen den Krieg (ein Fünftel davon Frauen), wehren Angriffe durch berittene Polizei und bürgerlich-nationalistische Gruppen ab, entwenden in Hamburg ihrerseits einem Pro-Kriegs-Aufmarsch eine österreichische Fahne. In Berlin sammeln sich trotz Demonstrationsverbot etwa 100.000 bei 27 Versammlungen und versuchen dann ins Stadtzentrum zum Sitz der kaiserlichen Regierung zu gelangen, woran die Polizei sie mit gezogenem Säbel hindert – am Volkspark Friedrichshain und in der Kochstraße gibt es dabei viele Verletzte. Das deutsche Generalkonsulat in Moskau meldet, Arbeiter seien gegen die Mobilmachung, auch Bauern und Bürgertum seien nicht kriegslustig.
Tags darauf, während Belgrad mit Panzerschiffen beschossen wird, reagieren Kaiser und Militär, indem sie die russische Teilmobilisierung zur Unterstützung Serbiens als gegen Deutschland gerichtet behandeln und nun gleichzeitig mit Belagerungszustand nach innen und Ultimatum gegen Russland nach außen drohen.
Am 31. Juli ermordet ein katholischer Verbindungsstudent in Paris Jean Jaurès, den damals wohl weltweit bekanntesten Kriegsgegner, dessen Sozialistische Partei nach ihrem Wahlsieg gerade im Begriff ist die neue französische Regierung zu bilden und der bis zuletzt auf Friedensdemonstrationen spricht. Während die Arbeitskräfte noch den Schock seiner Ermordung verdauen, erklärt das Deutsche Reich am 1. August Russland den Krieg und besetzen deutsche Truppen in der folgenden Nacht Luxemburg.
Die SPD-Reichstagsfraktion sammelt sich nun in Berlin. Gleich am 2. August entscheidet sich der Fraktionsvorstand mit 4 zu 2 Stimmen für die Unterstützung der angekündigten Kriegsgesetze, neben den Millionenkrediten vor allem “Burgfriedens”-Maßnahmen, die Wahlen, Streiks und Versammlungen unterbinden.
Am 3. August tritt die Fraktion zusammen und lässt sich von nationalistisch entflammten Abgeordneten mit Einfühlung in die Oberste Heeresleitung (wie Albert Südekum und Ludwig Frank) durch das Versprechen eines kurzen Kriegs und schnellen Siegs, durch drohendes Parteiverbot und die Möglichkeit eines Loyalitätsbeweises fürs Kaiserreich ebenfalls zur Zustimmung zum “Dienst am Vaterland” aufwiegeln – 78 gegen 14 Stimmen.
Schließlich tagt am 4. August, als deutsche Truppen in Belgien einmarschieren und der Krieg gegen Frankreich erklärt ist, der Reichstag und bewilligt einstimmig die Kriegsgesetze. Parteivorsitzender Friedrich Ebert, der zwischenzeitlich die Parteikasse in die Schweiz verbracht hatte, ist zurück in Berlin und einverstanden. Der andere Parteivorsitzende Hugo Haase, gewissermaßen das deutsche Pendant zu Jaurès, der maßgeblich die Gegenstimmen in Vorstand und Fraktion organisiert hatte, beugt sich gegen seine Überzeugung der Fraktionsdisziplin und verliest die von Südekum inspirierte Erklärung: „Wir lassen das eigene Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich“. Haase wird zusammen mit weiteren Kriegsgegnern 1916 von der SPD-Führung hinausgedrängt und gründet 1917 die USPD mit.
Erst jetzt erfolgt die französische Kriegserklärung – und erst jetzt ist die sozialistische Internationale zerbrochen. Der verbreitete Mythos der spontanen Kriegsbegeisterung auch unter den Arbeitskräften Europas (“Augusterlebnis”) verdeckt, dass bis zur SPD-Entscheidung für den Krieg das Baseler Friedensmanifest von 1912 gilt (“die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen [sind] verpflichtet alles aufzubieten, um durch Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern. (…) Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.”), dass überall Hunderttausende gegen den Krieg protestieren und sich erst jetzt die Gesamtlage zu einem von der größten sozialistischen Organisation der Welt unterstützten Überfall auf Serbien, Belgien, Luxemburg und Frankreich gedreht hat. Vor allem für die französischen Arbeitskräfte gibt es nun zur Verteidigung gegen den Einmarsch keine sinnvolle Alternative mehr, was sich in den folgenden Tagen durch das brutale deutsche Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung immer weiter bestätigt.
Erst jetzt ist durch die einseitige Aufkündigung der Friedensbeschlüsse die Sozialistische Internationale zerbrochen und die Entfaltung des bis dahin verheerendsten Krieges der Weltgeschichte nicht mehr aufzuhalten. Erst die 1918 in Deutschland beginnende Revolution wird ihn beenden.
Es sollen die gewinnen, die gar nicht gewinnen wollen, die sich nicht gegen andere durchsetzen wollen, die nicht das Sagen haben und Recht haben und Recht behalten und immer schon Recht gehabt haben wollen, die nicht Deutschland oder Europa “voranbringen” wollen, die nicht nach der geschicktesten Manipulation und den am vorteilhaftesten verfremdeten Bildern streben, die vielleicht gar nicht auf den Wahlplakaten drauf sind, die für alle Kinder ein Mittagessen und sichere Straßenüberquerung wollen, die einfach niemanden in Armut leben sehen wollen, keine Konkurrenz um den Lebensunterhalt wollen, Schutz nicht für Willkür missbrauchen wollen – es sollen die gewinnen, die wollen, dass alle gewinnen, und die mit ‘alle’ wirklich alle meinen.
In Argentinien findet heute ein landesweiter Streik gegen die Kürzungen, Massenentlassungen und weiteren “Sparmaßnahmen” der von den konservativ-liberalen Kapitalfraktionen und ihrem Anhang weltweit gehypten Milei-Regierung statt.
In Deutschland gibt es seit Wochen und Monaten unzählige Streiks im Einzelhandel, im Nahverkehr, in vielen anderen Bereichen.
Die Gewerkschaften in den USA haben vor allem mit dem Vorstoß der United Auto Workers in den Süden des Landes eine Popularität und Wirksamkeit erreicht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Unterdessen scheint sich die globale Veränderung des Klimas, als Folge des Angriffs des Kapitals auf unsere Lebensgrundlagen, weiter zu beschleunigen. Auch der beträchtliche Ausbau “Erneuerbarer Energien” ändert nichts an den sich verdüsternden Prognosen.
Linke sind in vielen Ländern stark in die Staatenkonkurrenz um die profitable Ausnutzung bewaffneter Konflikte verwickelt, was ein Dickicht aus Falschinformationen und parteiischen Clickbait-Nachrichten mit sich bringt.
Einmal mehr: Wir müssen uns als Arbeitskräfte zusammentun, uns gegenseitig unterstützen, schützen und aufklären, dem Kapital so viel wie möglich von den Krisenkosten abtrotzen, seine Macht zurückdrängen und versuchen die Produktionsmittel zu übernehmen, damit wir anders produzieren und verteilen können, damit wir die Klimakatastrophe wenigstens weiter begrenzen können und dafür sorgen, dass alle kriegen, was sie brauchen.
Staatsgewalt drückt „Ordnungsbund“ an die Macht, Tolerierung durch antisemitische „Vereinigte Völkische Liste“
Am 10. Februar 1924 wird die Liste “Ordnungsbund”, eine gegen die ‘Arbeiterregierung’ aus SPD, USPD und KPD gerichtete Wahlallianz des gesamten bürgerlich-nationalistischen Spektrums (DVP, DNVP, DDP, Mittelstandspartei, Landbund, Zentrum, Vaterländische Verbände), die stärkste Kraft bei der Landtagswahl in Thüringen.
Obwohl die Reichswehr, die das Land seit ihrem Einmarsch Anfang Novemberunter Besatzung und im militärischen Ausnahmezustand hält, alle Register zieht um den Machtwechsel in der letzten Hochburg der Revolution zu forcieren, und obwohl sich die Widersprüche zwischen den roten Parteien im Zuge der militärischen Repression verschärft haben, erreichen diese immer noch fast 42 Prozent der Stimmen, so dass es für den Ordnungsbund nicht zur Regierungsmehrheit reicht. Die neue Landesregierung des Juristen Richard Leutheußer (DVP) lässt sich von der “Vereinigten Völkische Liste” bzw. dem “Völkisch-Sozialen Block“ unter dem bekannten Antisemiten Artur Dinter tolerieren, diese Wahlverbindung fungiert auch als Front für die verbotene NSDAP.
Der Ordnungsbund ist zum Jahreswechsel gegründet worden, um “die sozialistisch-kommunistische Mehrheit im Landtag gründlich zu brechen”, das fragmentierte bürgerlich-agrarische Lager im Stile der Wahlbündnisse gegen die Sozialdemokratie im Kaiserreich zu vereinen und die Wählerschaft durch nationalistische Propaganda zu mobilisieren. Wahlkampfkosten trägt der Verband der Mitteldeutschen Industrie.
Die Reichswehr unter General Paul Hasse und die ihm unterstellte Thüringer Landespolizei unter Polizeioberst Hermann Müller-Brandenburg (ab 1926 Landesführer im “Werwolf”, später in der Führung des NS-Reichsarbeitsdienstes) erklären ausdrücklich ihre Unterstützung, helfen handgreiflich durch die Fortsetzung der flächendeckenden Repression gegen sozialistisch und republikanisch gesinnte Personen, gegen Strukturen und Basis der ‘Arbeiterregierung’, und organisieren indirekte Wahlkampfspektakel, deren Höhepunkt die Truppenparade zum Jahrestag der Reichsgründung1871 in Versailles am 18. Januar bildet. Stundenlang marschieren Reichswehr und Kriegervereine durch Weimar, General Hasse gibt in seiner Rede den Takt vor und erklärt, dass für jeden wahren Deutschen der 18. Januar der höchste nationale Feiertag sein müsste. Während “die Väter” in Versailles das Deutsche Reich geschmiedet hätten, unterschrieben “Männer unserer Zeit” dort den “Schandfrieden” von 1919. Mit entschlossenem Blick in die Zukunft ruft Hasse aus: “Wenn das Schicksal das deutsche Volk noch einmal nach Versailles führen sollte, dann darf es dort nicht so stehen, wie das letztemal, sondern nur so, wie unsere Väter und Vorväter dort standen.”
Es wird überdeutlich, dass sich hier Kaiserreich und Republik gegenüberstehen. Das Bürgertum, das fünf Jahre lang versucht hat, die Revolution rückgängig zu machen, muss angesichts der letzten Welle der Revolution 1923 seine Putschpläne aufgeben und zähneknirschend die Republik akzeptieren um an der Macht zu bleiben. Die Errungenschaften der Revolution werden nun nach und nach kassiert, der Achtstundentag ist schon gefallen. Auch in Thüringen wird dieser Rollback begleitet von einem Kulturkampf zwischen Deutschlandlied und Internationale, Reichsfarben und roter Fahne, Prügelstrafe und säkularer Volksbildung (Max Greil). Entsprechend wird der Tag von Versailles begangen und die gesetzlichen Feiertage zum 1. Mai und zum 9. November werden abgeschafft.
Überhaupt sollen in Thüringen “keine halben Sachen wie in Sachsen” gemacht werden, wo die SPD zumindest in einer Koalition mit bürgerlichen Parteien weiter regieren kann. Thüringen, wo entscheidende sozialistische Parteigründungen stattfanden (in Eisenach die SDAP 1869, in Gotha die SAPD 1875 und die USPD 1917) und wo die Revolution fünf Jahre lang eine ihrer Hochburgen hatte, soll umgedreht werden wie Bayern nach der Niederschlagung der Räterepublik ab April/Mai 1919, Thüringen soll die neue “Ordnungszelle” werden.
Das Bodensperrgesetz wird aufgehoben, der “freie Grundstücksverkehr” wiederhergestellt. Örtliche Selbstverwaltung wird zugunsten von Bürokratie und Exekutive umgebaut, Amtsträger erhalten ihre alten Titel zurück. Verdächtige Beamte werden entlassen. Das Züchtigungsverbot in den Schulen wird teilweise wieder aufgehoben, die von Volksbildungsminister Greil gegen Widerstände aus der Universitätsleitung in Jena gestützte Erziehungswissenschaftliche Abteilung der Philosophischen Fakultät wird 1. März aufgelöst. Bauhaus, eins der Lieblingsziele der konterrevolutionären Propaganda, wird am 1. April aus Weimar nach Dessau vertrieben.
Für die SPD-Landtagsfraktion wird 1926 das Wirken der Regierung bis dahin “in einer rücksichtslosen Durchsetzung der Interessen der besitzenden Klassen auf dem Gebiet der Finanz-, Steuer- und Wirtschaftspolitik gegen die Bedürfnisse der arbeitenden, schwer notleidenden, besitzlosen Volkskreise” bestanden haben: “Die wirtschaftliche Ausbeutung, die der Ordnungsbund mit Hilfe der Gesetzgebung betrieb, wurde durch eine an Skandalen reiche Kulturreaktion im Bildungs- und Rechtsleben ergänzt, der ganze Staatsapparat unter Vernichtung aller demokratischen Entwicklungen zu einem Machtinstrument der Bürokratie und Polizei gegen das Volk und vor allem zur Unterdrückung der Arbeiter umgestaltet.”
Aber nicht nur das: Artur Dinter kann sich mit der Forderung durchsetzen, dass in der Regierung nur “deutschblütige, nichtmarxistische Männer” sitzen dürfen. Als in der Folge jüdische Regierungs- und Verwaltungsbeamte entlassen werden, tritt die DDP aus dem Ordnungsbund aus, dem sie mit zur Macht verholfen hat. Gleich im März 1924 erwirkt Dinter auch die Aufhebung des Verbots der NSDAP und anderer Gruppen in Thüringen, wodurch sich die neue “Ordnungszelle”nach Bayern zum zweiten großen Aufmarschgebiet der Nazis entwickeln kann. Hitler ernennt Dinter zum Dank noch aus der Festungshaft in Landsberg zum NSDAP-Gauleiter Thüringen. Nach den Landtagswahlen im Dezember 1929 wird die NSDAP in Thüringen erstmals Teil einer Landesregierung zusammen mit DVP, DNVP, der Mittelstandspartei und dem Landbund.
Die Revolution ist vorbei und der totale Sieg der Konterrevolution wird vorbereitet.
Ministerpräsident Leutheußer, Anführer der Vereinigten Völkischen Liste Artur Dinter und die Beflaggung der Reichswehr seit 1921
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Am 8. Augustspreche ich in Eisenach über diese Landtagswahl.
Bei der Landtagswahl 2024 bezieht sich die Vorsitzende der “Bürger für Thüringen” explizit auf die Wahl von 1924: “Die Geschichte hat gelehrt, dass ein solches Bündnis erfolgreich sein kann, wie vor 100 Jahren der Thüringer Ordnungsbund…”
Mehr zur Thüringer Arbeiterregierung und ihrem Ende bei Mario Hesselbarth, dessen Veröffentlichung aus dem September 2023 ich viel Material für dieses Posting entnehmen konnte.
• Do, 14.03.2024, Berlin-Lichtenberg, Egon-Erwin-Kisch-Bibliothek, 19 Uhr: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (FB-Event, Ankündigung) • Sa, 18.05.2024, Doksy(Č), Pfingstcamp: Vortrag zur Thüringer Landtagswahl 1924 und Vortrag “Unite the Science! Wissenschaft(sgeschichte) von unten“ • Do, 23.05.2024, Zwickau, Vendetta Rosso: Vortrag “Der Reichswehr-Einmarsch in Zwickau und das Ende der Revolution in Deutschland” (Ankündigung) • Mi, 29.05.2024, Leipzig, Demmering 74: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” (Meinungsmache) • Di, 11.06.2024, Jena, Marktplatz: Vortrag “Die Landtagswahl 1924 in Thüringen” • Di, 02.07.2024, Jena, DJR: Vortrag “Die Hüftbewegung – Was uns zu Menschen machte” • Do, 08.08.2024, Eisenach, RosaLuxx: Vortrag “Die Landtagswahl 1924 in Thüringen” (FB-Event) • Mo, 19.08.2024, Peine, Gewerkschaftshaus: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (Ankündigung) • verschoben! Do, 12.09.2024, Saarbrücken, (tba): Vortrag “LUTHER AUF DAS MAUL schauen – Reformation und Revolution in Mitteleuropa” • Fr, 13.09.2024, Speyer, Eckpunkt: Vortrag “Entschwörungstheorie – Hinter den Kulissen immer die anderen!” • Do, 10.10.2024, Berlin, La Casa: Vortrag “Revolution in Deutschland 1918-23” (Ankündigung) • Fr, 13.12.2024, Berlin, JVB Moabit: Ideolotterie
Schon beschlossen, aber noch ohne konkreten Termin sind weitere Veranstaltungen zur Revolutionvor hundert Jahren (u.a. in Brandenburg und Potsdam), Pläne gibt’s für Nordhausen (“Entschwörungstheorie”), Rothenburg (“Sin Patrón”), Speyer (“Identität”) und noch mal Berlin (“Die Hüftbewegung”). In Vorbereitung sind außerdem die Themen “Victoria 3 (Paradox) – 100 Jahre globale Klassenkampfgeschichte als Computerspiel” und “Was Linke richtig machen”.
Wer noch mehr aushecken will oder sich daheim die Slides und Materialien anschauen, findet hier mein aktuelles Programm, das laufend weiter aktualisiert wird.
Zur Vorgeschichte von Revolution und Konterrevolution, Antisozialismus und Antisemitismus in Sachsen und Deutschland von der Reichseinigung bis zum Ersten Weltkrieg
Arbeitskräfte (und generell Bevölkerungsmehrheiten) können ihre Interessen am besten durchsetzen, wenn möglichst viele von ihnen wählen und politisch mitbestimmen, und letztlich ist es nur von ihrem Interessenbewusstsein (Klassenbewusstsein) abhängig, ob sie sich dafür auch einsetzen. Das Ausmaß der Zustimmung des Bürgertums (und generell der herrschenden und besitzenden Klassen) zu Demokratie und allgemeinem Wahlrecht war hingegen stets davon abhängig, inwieweit sie als Minderheiten, die von der Ausbeutung der Mehrheit leben, Wahlverfahren und Ergebnisse (durch Geld und Gewalt) so beeinflussen konnten, dass ihre Verfügung über Eigentum und Gewaltmittel so wenig wie möglich angetastet werden.
Dieser Konflikt begleitet den Aufstieg der Arbeitskräfte-Massenbewegungen ab dem 19. Jahrhundert, besonders eng im Falle der deutschen Sozialdemokratie, wie der kanadische Historiker James Retallack in seiner umfangreichen und detaillierten Untersuchung über Wahlrecht und Wahlkampf im Kaiserreich nachzeichnet. “Das rote Sachsen” ist kein direkter Beitrag zur Sozialgeschichte der Anfänge der sozialistischen Arbeitskräfte-Selbstorganisation, aber aus den ausgebreiteten Zahlen, Ereignissen und Debatten wird deutlich, wie sich zentrale Konflikte aufgrund der frühen und flächendeckenden Industrialisierung zuerst in Sachsen entfalteten und zuspitzten. Es ist mitzuverfolgen, wie sich viele der ersten Mitgliedschafts- und Wahl-Hochburgen der (revolutionären) Sozialdemokratie in den am stärksten industrialisierten Regionen bildeten, besonders in Westsachsen, der Gegend um Zwickau, vielleicht nirgendwo so rapide wie in Crimmitschau; wie sehr also diese spätere reichsweite Massenbewegung (die in Sachsen nach der Revolution so viele Mitglieder haben wird wie in Frankreich und Italien zusammen) ihren Grundstock in den überarbeiteten Lohnabhängigen hatte, die um sich herum einen bis dahin ungekannten Wohlstand blühen sahen, der auf ihrer Ausbeutung beruhte und an dem sie ohne Gegenwehr nicht teilhaben sollten; schließlich auch, wie sehr diese Bewegung sowohl sozialistisch als auch demokratisch war.
“Doch das deutsche Bürgertum wertete Leistung, Bildung und Kultur so sehr, dass es den Idealen der sozialen Gleichheit und der politischen Inklusion wenig Beachtung schenkte”, schreibt Retallack. Er zeigt ausführlich, wie die heftigen Konflikte innerhalb der besitzenden Klassen, zwischen Bürgertum und Grundbesitzern, Groß- und Kleinbürgertum, Konservativen, Links- und Nationalliberalen durch die Formierung einer antisozialistischen Front (vor allem zur Aufstellung von gemeinsamen Gegenkandidaten) überwunden oder zumindest vorübergehend ruhiggestellt werden konnten. Die ideologische Klammer für diese taktischen Allianzen, die (wie jede wirksame Form von Ideologie) die Feindbilder der verschiedenen Interessengruppen (vor allem Liberalismus, Demokratie, Sozialismus) zusammenfasste, bildeten ein immer stärker völkisch aufgeladener Nationalismus und schließlich die erste Synthese des modernen Antisemitismus, der hinter allen Bedrohungen nun “den Juden” walten sah. So gewann nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg in Pirna 1903 der gemeinsame bürgerliche Kandidat, der Kaufmann Otto Hanisch, den Wahlkreis für eine antisemitische Wahlvereinigung zurück, bis er 1912 vom Sozialdemokraten Otto Rühle abgelöst werden konnte.
Diese erste Synthese bereitete die zweite im 1919/20 von Hitler während seiner Tätigkeit als Reichswehrbibliothekar entwickelten Nationalsozialismus vor, als sich die “Retter der alten Ordnung” nicht mehr nur dem Klassenkampf, sondern der ausgewachsenen Revolution gegenübersahen und nun versuchten, sich ihres reaktionären Erscheinungsbildes zu entledigen, ihre antidemokratische Grundhaltung als die eigentliche deutsche Demokratie hinstellten und (unter Rückgriff auf den nationalistisch und konterrevolutionär gewendeten “Sozialismus” in der SPD-Führung) ihren völkischen Nationalismus, ihren Antisemitismus und Antisozialismus als die eigentliche sozialistische Revolution. Diese Umdeklaration ist uns bis heute erhalten geblieben, und ihre Rolle dabei, den Charakter des deutschen Faschismus zu verwischen und seine Verbrechen nach vermeintlich links auszulagern, ist längst in weiten Teilen des konservativ-bürgerlichen Lagers verinnerlicht, wie zuletzt an massenweise Fans von Elon Musk und Ben Shapiro zu sehen war, die anlässlich von deren Besuch in Auschwitz nicht müde wurden zu betonen, dass der Holocaust von “Sozialisten” begangen wurde.
Vieles, was Retallack an Material über die hoheitliche Einwirkung auf Wahlen in der Zeit des Kaiserreichs aufführt (Behinderung des Wahlkampfs, erklärte Parteilichkeit von Verwaltung und Staatsgewalt), weist denn auch auf die konterrevolutionäre Praxis ab 1918: von der Manipulation der Zusammensetzung der Räteversammlung am 10. November 1918 über die “Ordnungszelle” Bayern bis zur gewaltsamen Absetzung sozialistischer und antifaschistischer Landesregierungen in Sachsen und Thüringen im Herbst 1923 durch die Reichswehr, schließlich der weiteren Besetzung Thüringens und Unterdrückung der sozialistischen Parteien bis zur Landtagswahl am 10. Februar 1924, die mit einem Wahlsieg des Ordnungsbunds aus Bürgertum und Grundbesitzenden endete und zur Tolerierung durch die Vereinigte Völkische Liste bzw. des Völkisch-Sozialen Blocks des radikalen Antisemiten Artur Dinter führte, welchen die verbotene NSDAP für ihre Rehabilitierung nutzte – dazu mehr in einem Posting zum 100. Jahrestag der Wahl.
“Das rote Sachsen” ist kostenfrei (ggf. zzgl. Bereitstellungspauschale) bei der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung bestellbar.